
Hans Strand
Fotogalerie |
Weitwinkel-Komposition
Die Bildkomposition stellt den
wichtigsten Schritt innerhalb des fotografischen Prozesses dar, denn
auf ihr beruht die Wirkung des Bildes. Und auf dieser Ebene kommt die
Persönlichkeit des Fotografen zum Ausdruck. Die Ansicht, der Inhalt des
Bildes sei am wichtigsten, ist weit verbreitet, doch von einem Inhalt
ohne Interpretation geht keinerlei Inspiration aus.
Als Fotograf haben Sie die
Aufgabe, einen persönlichen Blick-
winkel zu finden und dem Betrachter eine Aussage zu vermitteln. Fangen
Sie nicht ein, was Sie sehen, sondern was Sie fühlen.

Ein Weitwinkelobjektiv kann
zwei grundsätzlich unterschied-
liche Funktionen erfüllen:
#1
Es kann helfen, einen mög-
lichst großen Ausschnitt des
Motivs abzubilden, und zwar um
so mehr, je größer der Bildwinkel
ist.
#2
Es kann die Tiefenwirkung
einer Bildkomposition unter-
stützen.

#1.
Das Motiv erscheint hier mehr oder
weniger flächig. Es gibt keinen beherrschenden Vorder- oder
Hintergrund, sondern es ging in diesem Fall um die richtige Verteilung
der Objekte innerhalb des gewählten Bildausschnitts. Es kann sich
hierbei um ein oder mehrere ""markante Objekte" handeln, die als Blickfang für den Betrachter
wirken. Solche "markanten Objekte" können helle Objekte auf dunklem
Hintergrund oder dunkle Objekte auf hellem Hintergrund sein. Als Form
dieser Objekte sind alle nur erdenklichen geometrischen Figuren
möglich, wie etwa Kreise, Linien, unregelmäßige Formen usw. Geht das
Auge zu-
nächst in die Bildmitte, spricht man von einer "zentrifugalen" Kompo-
sition, wandert das Auge eher an die Bildränder von einer
"zentripetalen" Komposition. Bei der zentrifugalen Komposition sind die
Objekte verstreut und das Auge des Betrach-
ters kann frei vom Zentrum des Bildes aus über das gesamte Bild
bis in dessen Ecken schweifen, vergleichbar der nach außen drückenden
Zentrifugalkraft in einem Karussell. Die Komposition wirkt plastisch
und lebendig und verzichtet auf "markante", als Blickfang wirkende
Objekte. Mittlere Weitwinkel-
objektive wie das
Super-Angulon 5,6/90mm
oder selbst noch das Super-Symmar XL Asperic
5,6/110mm
sind für solche Bildkompo-
sitionen
geeignet. Im Gegensatz dazu wirkt die zentripetale Kompo-
sition meistens
eher starr, da der Blick immer wieder von einem "markanten Objekt" in
oder nahe der Mitte des Bildausschnitts ange-
zogen wird. Diese
Sogwirkung ähnelt der eines Strudel, der entsteht, wenn Wasser aus der
Badewanne abläuft. Superweitwinkel wie das der="0" src="../images/pfeil_r.gif"
width="12" height="12">Super-Angulons XL 47-72mm
begünstigen mehr oder weniger
automatisch die zentripetale Bildkompositionen.
Beispiel ::
Zentrifugale Bildkomposition:
Es kann sich
hierbei um chaotische Objekte handeln, wie etwa Wälder oder Unterholz,
mit einer Fülle sichtbarer Strukturen unterschiedlicher Form und
Farben. Baumstämme und Äste haben einen das Auge in unterschiedliche
Richtun-
gen lenkenden Effekt, wäh-
rend runde Objekte, wie etwa Steine, Blätter, Wasser-
lachen usw. den Blick eher zur Ruhe kommen lassen.

#2.
In diesem Beispiel sehen wir
eine räumliche Bildwirkung mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Der
Kamerastandpunkt wurde recht tief und nah zu einem als Blickfang
wirkenden "markanten" Objekt gewählt, das den Vordergrund bildet. Es
kann sich hierbei um eine Felsforma-
tion, Baumwurzeln, Muster im Sand, ein Blumenfeld, usw. handeln. Der
Vordergrund füllt einen großen Teil der Bildfläche aus, und zwar um so
mehr, je "extremer" das verwendete Weitwinkelobjektiv. Mein bevor-
zugtes Objektiv für diese Art von Bildkomposition ist das Super-Angulon XL
5,6/72mm. Die größtmögliche
Schärfentiefe erreichen Sie durch die Ausnutzung der
Scheimpflug-Regel mit einer
Fachkamera. Durch Neigen der Objektiv-
ebene finden sie die "opti_
male" Schärfebene. Dies ist bei flachen Objekten, wie etwa
Blumenfeldern. Mustern im Sand, unkompliziert, denn jedes Objekt in der
sich im wesentlichen in einer Ebene erstreckenden Oberfläche wird beim
richtigen Neigungs-
winkel der Objektivebene scharf auf den Film projiziert. Es besteht
hierbei auch keine Notwendigkeit zum Abblenden auf die kleinste
Blendenöffnung. Schon schwieriger wird es, wenn vertikal aufragende
Objekte in die Komposition einbezogen werden sollen, z.B. Baum-
stämme oder ein steil ansteigender Hintergrund. In diesem Fall müssen
Sie den Neigungswinkel der Objektivebene finden, der die bestmög-
liche Schärfentiefe liefert, und außerdem weitestmöglich abblenden.
Normalerweise finde ich die "bestmögliche Schärfeebene" an einer
4x5"-Kamera, indem ich die Objektivebene so weit neige, dass ich einen
scharfgezeichneten Punkt etwa 2 cm unterhalb des oberen Rands der
Mattscheibe und einen anderen etwa 2 cm oberhalb des unteren Randes der
Mattscheibe finde. Die Elemente innerhalb dieser beiden Punkte werden
dann wegen der natürlichen Schärfentiefe der verwendeten kleinen Blende
scharf wiedergegeben.
Beispiel ::
Mit einer Fachkamera haben Sie Möglichkeit, den Effekt der stürzen-
den Linien dadurch zu korrigieren, dass Sie die Film- und die Objektiv-
ebene gegeneinander verschieben (durch Verschieben
entweder der Film-
oder der Objektiv-
ebene. Ich stelle meine Kamera normalerweise genau senkrecht (mit der
Wasser-
waage) und in der Aufnahme-
richtung auf und verschiebe dann, bis ich auf der Matt-
scheibe die gewünschte Bild-
komposition gefunden habe. Zu den Vorzügen der Fach-
kamera gehört, dass sich stürzende Linien dabei ver-
meiden lassen. Ich nehme immer als erstes die Ver-
schiebung vor, um die Bild-
komposition festzulegen, bevor ich kippe und fokussiere. Vorzugs-
weise kippe ich zu diesem Zweck die Objektivebene.
Das Kippen ausschließlich mit der Objektivebene hat den Vorteil,
dass die Perspektive nicht beeinflusst wird. Kippt man die Filmebene,
entstehen stürzende Linien, und Elemente aus der ursprünglichen
Komposition schieben sich über den oberen oder unteren Bildrand hinaus.
Zum Kippen der Filmebene greife ich
nur, wenn die Gefahr der Vignet-tierung besteht, dass heißt wenn der
Bildkreis nicht mehr genügend Reserve bietet. Die Schneider
XL-Objektive liefern allerdings einen großen, bis in die Ecken des
Bildfeldes hinein scharf gezeichneten Bildkreis, so dass man selten
befürchten muss, nicht weit genug verschieben zu können. Für die
typische Landschaftaufnahme vom Typ 2 mit Betonung des Vordergrunds
verschieben Sie die Objektivebene nach unten (oder die Filmebene nach
oben) und kippen dann die Ob-
jektivebene nach vorn. Das Verschieben und das Kippen neutralisieren
sich in diesem Fall hinsichtlich der Größe des Bildkreises und verrin-
gern daher das Risiko der Vignettierung.

Strategie ::
Um wirklich gute Bilder zu
erhalten, brauchen Sie eine Art von Strategie für die Behandlung der
fotografischen Situation. Ich persönlich ver-
suche, gedanklich völlig frei zu bleiben, und strebe keine bestimmte
Art von Komposition nach dem Muster von Typ 1 oder 2 an. Die besten
Bilder entstehen manchmal durch eine Kombination von Typ 1 und 2.
Vermeiden Sie es, sich zu wiederholen und halten Sie sich nicht starr
an einen
bestimmten Kompositionstyp. Als
Fotograf mit einer Groß-
formatkamera ist die Versuchung groß, ausschließlich die Bildkom-
position vom Typ 2 zu wählen und auf Ihren Bildern immer mit atem-
beraubender Schärfentiefe und beherrschendem Vordergrund zu arbeiten.
Auf lange Sicht kann das sehr langweilig werden, glauben
Sie mir.
Wenn Sie ausschließlich Fotos des Typs 2 machen, wird Ihre Fotografie
stereotyp und enthält keine Überraschungen. Es ist gut, wenn Sie die
Ingredienzien einer Typ-2-Fotografie kennen, aber beschränken Sie Ihr
Handwerkszeug nicht ausschließlich auf diese Art von Bild. Wenn ich in
einen Wald gehe, denke ich zuerst an Typ 1 – in offener Landschaft, wie
etwa Küste, Wüste und Bergen an Typ 2. Dies kann sich allerdings
ändern, wenn irgend etwas Besonderes auftaucht. Im Wald interessiert
mich Komplexität mit irgendeiner Art von Ordnung. In der offenen
Landschaft suche ich einen interessanten Vordergrund mit markantem
Charakter.

Ein "markanter"
Vordergrund ist wichtig, weil er einen großen Raum innerhalb des Bildes
einnimmt. Einfach nur ein monolithischer Felsblock ohne Farbe oder
interessante Form ist langweilig. Daher verwende ich viel Zeit auf die
Suche nach einem span-
nenden Vordergrund.
Hans Strand
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